Michael - Der Film - Lohn sich ein Kinobesuch?
Es gibt wahrscheinlich drei Tode in der Popmusik, die alle anderen Verluste bis heute überschatten. Elvis Presley 1977, John Lennon 1980 und Michael Jackson 2009. John Lennon wurde ermordet. Michael Jackson und Elvis starben jeweils an einer Überdosis von Medikamenten. Ich war nie ein Jackson Fan, habe jedoch seine Alben zuhause und halte "Off the Wall" von 1979 und "Thriller" von 1982 für makellose Meisterwerke der Popmusik. "Bad" von 1987 ist immer noch exzellent. Alles was danach kam wurde graduell schlechter und endetet mit dem schrecklichen "Invincible" Album von 2001. Es sollte das letzte Studio Album von Michael zu seinen Lebzeiten sein. Acht Jahre später verstarb der Künstler. Seitdem stürmten einerseits seine Platten wiederholt die Charts, während die Berichte über Skandale und Übergriffe nicht abrissen.
Das Interesse an Michael Jackson ist scheinbar ungebrochen. Somit begannten vor drei Jahren die Arbeiten an einer Filmographie. Der gigantische Erfolg von "Bohemian Rhapsodie" (Queen), sowie weitere (erfolgreiche) Verfilmungen über das Leben und Wirken von Elvis, Elton John, Aretha Franklin, Amy Winehouse und Bob Marley, aktivierten in Hollywood die Bosse und Geldgeber. Musiker-Biographien sind das Ding der Stunde. Somit sollte Michael Jackson auch seinen Film kriegen. Die Dreharbeiten waren mühsam. Rechtsstreitigkeiten und Nachdrehs verzögerten den Start um insgesamt ein Jahr und ließen das Budget von veranschlagten 150 Millionen auf 200 Millionen Dollar klettern. Das renommierte "Forbes" Magazin errechnete, dass der Film 700 Millionen Dollar im Kino umsetzten muss, um sich zu rechnen. Der Autor dieser Zeilen, zweifelte und prophezeite einen Flop. Die Trailer war nicht überzeugend. Wesentlicher ist auch die Frage ob Michael Jackson überhaupt noch angesagt ist.
Der Autor dieser Zeilen irrte. Nach 4 Wochen Laufzeit hat "Michael" bereits 800 Millionen Dollar in den Kinos eingespielt und läuft und läuft. Die Milliarde wird wohl bald erreicht sein und eine Fortsetzung ist bereits angekündigt. Angetrieben von Film, sind alle Alben von Michael Jackson wieder in die weltweiten Charts eingestiegen. Somit kommen wir zur nächsten Frage. Wie gut ist der Film?
Das liegt hier, mehr denn je, im Auge des Betrachters. Oberflächige Gelegenheits-Musik-Hörer werden einen ansprechenden Musikfilm erleben, der trefflich unterhält. Sollte der Kinobesucher jedoch einige Kenntnisse über das Leben und die Karriere von Michael Jackson haben, könnte der Film enttäuschen. Denn es handelt sich um eine filmgewordene Heiligsprechung, die dem Leben des Musikers und Menschen nicht gerecht wird. Geschickt gemacht, aber dennoch hart an der (bekannten) Wahrheit vorbei. Hier geht es ausdrücklich nicht um die Missbrauchsvorwürfe. Diese wurden erst 1993 bekannt. Der Film endet mit dem Jahr 1988.
Michael Jackson war ein hervorragender Künstler, Musiker und Tänzer. Er war jedoch auch ein gebrochener Mensch, durch die Misshandlungen seines Vaters. Er war jedoch nie der knallharte Business-Typ, wie er hier in einigen Szenen präsentiert gezeigt und keineswegs der selbstbewusste Alleskönner. Es wird geschickt vermittelt, dass er seinen Erfolg quasi im Alleingang erreicht hat, was so nicht stimmt. Für 10 Jahre war Quincy Jones sein musikalischer und auch väterlicher Mentor. Ohne Quincy hätte es die Karriere von Michael Jackson so nie gegeben. Quincy hat Jacksons entscheidenden und auch erfolgreichsten Alben produziert, arrangiert und an den Liedern mitkomponiert. Er hat die Songauswahl mitbestimmt, die Musiker organisiert und alles gemanagt. "Off the Wall", "Thriller" & "Bad" sind genauso Quincy Jones Werke.
1984 war Thriller mit 40 Millionen verkauften Einheiten die meistverkaufte LP/CD aller Zeiten. Das Album erhielt 8 Grammys. Einen davon musste Michael mit Quincy teilen. Produzent des Jahres. Für Michael Jackson war das nicht akzeptabel. Er gönnte Quincy den Grammy nicht. Jackson ist damals ausgeflippt. "Its only my Album, i did it alone", hat er damals herum geschrien. Im Film ist von solchen "Ausfällen" nichts zu sehen.
1987 schrieb Michel Jackson die Zahl 100 Millionen auf seinen Spiegel. So viele Einheiten wollte er vom Nachfolger "Bad" verkaufen. Bis 1989 wurden 25 Millionen Einheiten verkauft. Eine unglaubliches Menge. Für Michael war es jedoch nicht genug. Er feuerte 1989 seinen Manager Frank Di Leo, welcher seit 1984 die Karriere von Jackson erfolgreich managte - und im Film nicht mal vorkommt. Di Leo hatte die Idee das "Thriller"-Album mit Videoclips zu promoten, auch das stellt der Film anders dar. Michael trennte sich auch von seinem Produzenten und Mentor Quincy Jones. Dieses Verhalten war auch eine Seite von Michael Jackson, welche der Film ausspart. Nach dem sich Jackson von Di Leo und Quincy Jones trennte ging seine Karriere sowohl kreativ wie kommerziell steil bergab und erholte sich nie wieder. Die aktuellen Verkaufszahlen zeigen auch, dass die Alben aus den 80er Jahren wieder gekauft werden.
An "Thriller" und "Bad" haben namhafte Musiker mitgewirkt und die Alben mitgetragen und geprägt. Die Mannschaft von Toto, Eddy Van Halen, Paul McCartney, Slash von Guns n´Roses, Stevie Wonder und viele mehr. Diese werden nicht mal namentlich genannt. Einzig, Eddie Van Halen wird kurz erwähnt. Es hätte ihm Film eine großartige Szene gegeben, zu sehen wie Eddie das Gitarren-Solo für "Beat It" einspielt. Oder, Michael singt gemeinsam mit Paul McCartney ein Duett. Oder, Michael werkt mit anderen namhaften Musikern im Studio. All dies zeigt der Film nicht. Man sieht Michael allein am komponieren, grübeln, singen und werken. Der Film zeigt einerseits Michael Jackson als alleiniges Genie, der alles kann und niemanden braucht und erzählt die Geschichte der versuchten Abnabelung vom gewalttätigen und dominanten Vater. So tragisch Michaels Kindheit wohl war, scheint der Film mit der Erzählung eine Entschuldigung formen zu wollen, die späteren Extravaganzen des Michael Jacksons zu erklären. Letztlich zeichnet der Film ein verzerrtes Bild des Künstlers und Menschen. Der geneigte Kinobesucher kriegt einen unterhaltsamen Musikfilm aber keine authentische Biographie. Und das ist sicherlich auch so gewollt.
Michael, hätte der Film wahrscheinlich gefallen. Seiner Familie gefällt vermutlich der Geldsegen, der mit dem Film kommt.
Zur Eingangsfrage: Lohnt sich ein Kinobesuch. Natürlich. Denn, Kino lohnt immer. Kino kann mehr.
Zum Abschluss gibts noch eine Bewertung. Der Höchstwert sind 5 Mikrophone.
Für Musik-Film-Liebhaber: 🎤🎤🎤1/2
Für Nerds, Besserwisser & Auskenner: 🎤1/2
Andi Bauer

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