Kürbisse statt Fußball

Die Smashing Pumpkins in Wien
Foto by Andi Bauer

Nach 30 Jahren warten, nach all den wunderbaren Alben aus den 90er Jahren, nach all den vergurkten Platten seit 2000, nach all den Hymnen die das Herz höher schlagen lassen, sind die Smashing Pumpkins endlich in Wien gelandet abgeliefert. Während die Spagettis und die Tacos am Montag Abend zwei schwache Spiele ablieferten, beglückten die Kürbisköpfe die zahlreich erschienen Jünger in der Wiener Stadthalle mit einem fulminanten Konzert, welches man durchaus als, "nicht von dieser Welt", bezeichnen kann. 

Wobei diese Band nie von dieser Welt war und auch musikalisch schwer einzuordnen ist. Hard-Rock, Prog-Rock, Alternativ-Rock, Pop. Alles drin. Oberflächige Schwätzer wiederum, zählten sie zum "Grunge", weil das erste Album 1991 erschien. Im selben Jahr als Pearl Jam und Nirvana die Welt eroberten. Nur dass sich Pumpkins-Kopf und Großmeister Billy Corgan nie um "Punk" oder "Grunge" scherte, sondern lieber David Bowie, die Scorpions und Fleetwood Mac hörte. Als 1993 das zweite Alben der Pumpkins erschien, war "Grunge" bereits  tot. 1995 lieferte Corgan mit, "The Mellon Collie and The infinite Sadness", sein Meisterstück. Hymnen wie "Tonight, Tonight" sind mittlerweile in der Rockmusik ähnlich bedeutend wie, "Where the street have no name", "Thunderstruck", "Satisfaction", "Smoke on the Water" und "We will Rock You". 

Und jetzt endlich, am 24. Juni in der Wiener Stadthalle. Die Vorband Interpol begann pünktlich um 20 Uhr und verlor 1 zu 3 gegen den Mann am Sound-Mischpult. Um den Sänger zu verstehen war Lippenlesen angesagt. Einzig der Bassist schien entweder einen guten Draht zum Mann am Mischpult zu haben oder ist der heimliche Chef der Truppe. Der Tieftöner blies alles weg. Zudem wirkte die Band leider auch lustlos und spielte routinierte das einstündige Set. Eigentlich Schade, denn das erste und zweite Album (2002 & 2004) von Interpol sollte in jeder gut ausgestatteten Rock-Musik-Sammlung zu finden sein.

Danach wurde umgebaut und die Smashing Pumpkins starteten pünktlich um 21:30. Die Band betrat einfach die Bühne und selbst Großmeister Corgan stampfte ohne Brimborium zum Mikrofon. Mit Glatze, Bärtchen und gekleidet in eine priesterähnliche Kutte wirkte Er wie eine Kreuzung aus Mönch und Nosferatu. Bereits bei den ersten Akkorden vom Opener "Everlasting Gaze" explodierte die Halle. Die Band rockte wie Sau. Das dankbare Publikum hüpfte und sang im Chors. Und Es folgte Hit auf Hit. Dazwischen wurden die eher ungeliebten neueren Stücke geschickt platziert und störten nicht. "Tonight, Tonight" ließ die Halle beben. "Today" und "Disarm" verfehlten noch nie ihre Wirkung und wurden auch vom Wiener Publikum mit feuchten Augen begrüßt. Ich sah 50 jährige Männer mit Freudentränen. Bei den Zugaben schraubten die Pumpkins nochmals die Energie Richtung Decke. "Cherub Rock", immer noch mit einem der besten Intros, das die moderne Rockmusik zu bieten hat. Die unwiderstehlichen Propellergitarren fegten den letzten Zweifler im Saal hinweg. 

HD Smashing Pumpkins 08 CHERUB ROCK (Aug 14, 1993) Record release party live - YouTube

Das Publikum tobte und sogar Meister Corgan zeigte Augenblicke der Zufriedenheit und erlaubte sich einige Scherze. Ich wage es an dieser Stelle festzuhalten. Ich durfte hunderte Konzerte erleben, aber es waren maximal ein Dutzend, welche mich derartig bewegten, wie dieser Abend mit den zermatschten Kürbissen. 

Taylor Swift kann jedes Stadien füllen, weil Teenager sich von ihren Texten verstanden fühlen und Sie als große Schwester einen Platz in ihren Herzen hat. Der vermeintlich geschlechtslose Harry Styles vermittelt mit Make Up und Federboa allen Minderheiten und sexuell verunsicherten Teenagern verstanden und gefühlt zu werden. Alle Anderen (gebrochenen) Herzen der 30+ Generation fühlen sich wiederum bei Coldplay aufgehoben und verstanden. Die heutige Popmusik bietet Projektion und Verständnis und gerät dabei zum simplen Opportunismus. "Diese Stars verstehen mich", glauben die Fans. Natürlich Quatsch und reines Kalkül, aber es füllt Stadien und Kassen.  

Nicht die Smashing Pumpkins. Billy Corgan hat sich nie an seine Hörerschaft angebiedert. Seine Lieder über Schmerz und Einsamkeit hat Er nur für sich geschrieben. In "Disarm" hat Er seine Brust aufgerissen und seine verkorkste Kindheit offen gelegt. Das hat noch niemand der oben Genannten. 

The Smashing Pumpkins - Disarm (Lyrics) (youtube.com)

Disarm you with a smile
And leave you like they left me here
To wither in denial
The bitterness of one who's left alone
Ooh, the years burn
Ooh, the years burn, burn, burn

I used to be a little boy
So old in my shoes
What I choose is my voice
What′s a boy supposed to do?
The killer in me is the killer in you
My love
I send this smile over to you

Corgan ist nicht opportunistisch, sondern schmerzhaft ehrlich. Trotz dieser Offenheit ist Billy Corgan auch einer der letzten Rockstars, die größer als das Leben sind. Er hält seine Band für die Beste und Größte auf Gottes Erden und drunter macht Er es auch nicht. Und auch so muss Pop-Musik sein. Authentisch und dabei Größer als unsere Realität. Dadurch kann Transzendenz für den Hörer stattfinden. Am Ende des Konzerts folgte noch die Hymne "Bullet with Butterfly Wings", welche auch den Titel für die Tour lieferte.

"The World is a Vampire............And I Still Believe that I Cannot be Saved"

Der kleine Billy glaubt wahrscheinlich immer noch, dass es für Ihn keine Erlösung gibt. Hier irrt Er wahrscheinlich. Denn, auch Er hat während dem Konzert mehrmals gelächelt. Für ihn waren die zwei Stunden vielleicht der Vorhof zum Paradies. Für Tausende Besucher der Himmel auf Erden.  

Andi Bauer

PS.: Vielleicht schaffe ich es einmal meine schönsten Konzerterlebnisse hier im Blog aufzulisten. Das Konzert der "Pumpkins" hat mich inspiriert eine Best-Of-Konzert-Liste zu erstellen. Das wird jedoch noch ein bisschen dauern, denn mittlerweile hat König-Fußball wieder das Kommando übernommen. Denn am Dienstag wird sich unser Team ins Viertelfinale schießen.

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Foto bei Smand



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