Sinead - Die "Schwierige" ist gegangen - und Sie fehlt

CD / The Best of Sinead O´Connor
Foto by Andi Bauer

Am 26.7. 2023 ist die irische Sängerin Sinead O`Connor für diese Welt verstummt. Am 8.12. hätte Sie Ihren 57. Geburtstag gefeiert. Ich habe nach der Nachricht zu Ihrem Tod versucht in diesem Blog einen Nachruf zu schreiben und scheiterte. Die paar Zeilen die es dann geworden sind, sind Ihrer nicht würdig. Wobei damit nicht gesagt ist, dass dieser zweite Versuch der Künstlerin gerecht wird. Es ist mir leichter gefallen letzte Woche über den verstorbenen Shane MacGowan zu schreiben. Was hat mich bei Sinead blockiert und bremst mich immer noch? Es ist die Scham. Dazu später.

Ich war nie ein Fan aber ich liebte ihr zweites Album, sowie Millionen Andere. "I Dont Wanna what I havn`t Got" erschien im April 1990 begleitet vom Überhit "Nothing Compares to You". Ein einzigartiges Lied. Niemand muss Englisch können um den Text zu verstehen oder zu erfassen. Jeder Hörer spürt und weiß sofort, das es um den Verlust der Liebe gibt. Nicht einer Liebe oder einer großen Liebe, sondern um den Verlust DER großen Liebe. Es gibt wenig Lieder, welche den Schmerz darüber so unmissverständlich, direkt und konsequent zum Ausdruck bringen. Das Video mit der weinenden Sängerin lief 1990 täglich und überall. Man glaubte Ihr jede Träne.

(525) sinead o'connor nothing compares to you - YouTube

Das Lied erreichte 1990 praktisch in jedem Land auf der Welt den ersten Platz der Charts. Sinead wusste wohl damals schon, dass dies den kommerziellen Höhepunkt und gleichzeitig den Beginn ihres Abstiegs bedeutete. Zu früh freilich. Das Album war erst Ihr Zweites. Ihr erstes Album erschien 1987, war  zorniger Punk und avancierte zum Achtungserfolg in England und in Ihrer irischen Heimat. 

(525) Sinead O'Connor - Mandinka (Official Music Video) - YouTube

Mein jüngerer Bruder hat es gehört und geliebt. Mich hat es nicht interessiert. Ich hörte 1987 Bruce Springsteen, Prince, David Bowie, U2 und Guns n`Roses. Bruderherz hatte schon damals das bessere Gefühl für die interessanten Zwischenwelten in der Popmusik. 1992 veröffentlichte Sinead ihr drittes Album. Ein sperriges Werk mit Jazzstandards das bitterlich floppte. 

Don't Cry For Me Argentina Sinead O'Connor (youtube.com)

Natürlich. Zwei Wochen davor hat Sie in der  US-Late Night Show ein Bild von Pabst Johannes Paul II zerrissen. Live vor laufender Kamera. Ein Protest gegen die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. In der Sache sicher berechtigt, in der Methodik wohl überzogen. Egal, die Karriere war damit endgültig vorbei. Sie wurde in keine relevanten Sendungen mehr eingeladen. Das aktuelle Album wurde ignoriert. 1994 folgte mit "Universal Mother" ein sehr schönes, jedoch auch sehr esoterisches Album. Wenn man es schafft die schwülstigen Texte zu ertragen, erschließen sich wunderbare Melodien. 

Sinéad O'Connor - Thank You For Hearing Me (Official Music Video) [HD] (youtube.com)

Gekauft wurde das Album nur mehr in Europa und selbst dort reichte es nur mehr für die Top Ten in Irland und Österreich. Nicht mal die Engländer hörten mehr hin. Sinead selbst, stritt da schon mit Jedem und kämpfte gegen Alle. Die eigene Mutter, die Kinder, die Plattenfirma, das Publikum, die Medien und die Welt im Allgemeinen. Der Plattenfirma wurde es zu mühsam und Sie feuerten die "Schwierige". 1997 wurde noch ein "Best Of"- Album veröffentlicht und dann war Schluss. Sinead machte weiter mit der Musik und veröffentliche diese mittels unterschiedlichen kleinen Labels. Sie versuchte sich an Reggea, Folk, Gospel und Pop. Alles drin, nix bleibt. Die Käufer blieben zuhause und die Radiosender spielten immer nur den EINEN Hit. "Nothing Compares to You", brachte ihr kein Glück. Das Lied sorgte für eine Popularität, die Sie so nie wollte und brachte dennoch kein Geld. Die Tantiemen dafür gingen an den Autor - Prince. 

Geschämt habe ich mich dafür, dass auch ich zu den Vielen gehörte die sich von der Sängerin abwandten. Sie wurde mir zu verrückt, zu unstet, die Lieder zu schwach und zu unberechenbar. Ich konnte ihren Schmerz (und ihren offensichtlichen Hass auf die Welt) nicht verstehen und ihre Handlungen umso weniger. Und jetzt, viele Wochen nach ihren Tod habe ich es endlich geschafft ihre "Best-Of CD" wieder zu hören. Und dabei geweint. Lauter kleine, feine Meisterstücke versammeln sich auf der CD und zeigen erneut eine unvergleichliche Sängerin, die nicht nur Gefühl sondern ihr ganzes Ich in ihre Stimme und den Gesang legte. Als ob Sie all ihren Schmerz, ihre Freude ihre Hoffnung und ihre Sehnsüchte in die Lieder legte. Wahrscheinlich war es auch so. Vielleicht hat ihr sonst niemand zugehört und es blieb Ihr nur die Musik. Zwei Tage vor Ihrem Tod ist Sie Ihren Nachbarn begegnet. Diese behaupten, dass Sie gelächelt hätte. Ein kleiner Trost, neben den Liedern die uns bleiben.

Zu Lebzeiten galt Sinead in der Branche als "schwierig". Aber was heißt das schon. In ihrem Fall sollte das Wort "schwierig" als Kompliment betrachtet werden. Als Ausdruck für Konsequenz und Prinzipientreue. Von all den Sängern und Sängerinnen die in den letzten Jahren gegangen sind ist Sinead O Connor diejenige die am Allermeisten eine Wiederentdeckung verdient. 

Andi Bauer  

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